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Teil 3: Zwischen Hoffnung und Horror – Die Angst der „Palmeros“
Geothermie La Palma: Für die Ingenieure ist es ein ehrgeiziges Projekt, für die Weltpresse eine technologische Sensation. Doch für die Menschen im Aridane-Tal, die noch immer den Geruch von Schwefel in der Nase und die Asche in ihren Träumen haben, klingt das Wort „Bohrung“ wie eine Drohung.
Ein verwundetes Land
Man kann die Geothermie auf La Palma nicht diskutieren, ohne über das kollektive Trauma des 19. September 2021 zu sprechen. Der Ausbruch des Tajogaite hat das Urvertrauen in den Boden erschüttert. Wenn nun schwere Maschinen anrollen, weckt das keine Aufbruchstimmung, sondern nackte Panik. Die Bewohner fragen sich: „Wecken wir den Drachen mit Nadelstichen?“
Die Schatten der Vergangenheit: Island und Hawaii
Die Skepsis der Palmeros speist sich aus realen Katastrophenberichten von anderen Vulkaninseln. Wenn der Mensch versucht, die unbändige Energie des Magmas anzuzapfen, kann dies katastrophale Folgen haben:
- Puna Geothermal Venture (Hawaii): Im Jahr 2018 wurde das Geothermiekraftwerk auf Big Island zum Schauplatz eines Albtraums. Während des Ausbruchs des Kilauea wurde die Anlage von Lavaströmen teilweise überrollt. Die Sorge der Bevölkerung war gigantisch: Man fürchtete, dass die Lava die Bohrschächte infiltrieren und durch die Vermischung mit toxischen Gasen oder Grundwasser massive Explosionen auslösen könnte. Die Anlage musste evakuiert und Bohrlöcher hastig versiegelt werden – ein Szenario, das auf La Palma, wo die Besiedlung extrem dicht ist, unvorstellbare Panik auslösen würde.
- Krafla-Vulkansystem (Island): Island gilt als Vorreiter, hat aber einen hohen Preis gezahlt. Bei Bohrungen stießen Ingenieure unerwartet auf Magma-Taschen. Die Folge waren sogenannte „Magma-Injektionen“ in die Bohrschächte. Der Druck und die Hitze sind dabei so extrem, dass die technische Kontrolle innerhalb von Sekunden verloren gehen kann. Siehe auch „Feuer und Flamme„.

So sieht es aus, wenn unbeabsichtigt eine Magmakammer angebohrt wird (Foto: IDDP). Geschehen ist das Ganze im September 2011 am Vulkan Krafla in Island.
Das Risiko des „Verschluckens“: Warum Bohrlöcher kollabieren
Die Angst der Bevölkerung wird durch eine technische Realität untermauert: Ein Bohrloch in einem aktiven Vulkangebiet ist ein extrem kurzlebiges und gefährliches Konstrukt.
- Magma-Invasion: Wenn der Bohrkopf auf eine flüssige Magmaschicht trifft, kann das unter hohem Druck stehende Gestein in das Rohr schießen. Das Bohrloch wird dann buchstäblich mit flüssigem Stein „verstopft“, der in der Kühle der oberen Schichten sofort erstarrt. Das Loch ist damit nicht nur verloren, sondern wird zu einer potenziellen Schwachstelle im Berg.
- Mineralische Verkrustung (Scaling): Das hoch erhitzte Wasser, das nach oben gefördert werden soll, ist gesättigt mit Mineralien. Sobald Druck und Temperatur beim Aufstieg sinken, fallen diese Mineralien aus und „verkalken“ das Bohrloch in Rekordzeit.
- Tektonischer Stress: Vulkanische Böden arbeiten ständig. Ein Mikrobeben reicht aus, um das stählerne Futterrohr in mehreren Kilometern Tiefe schlicht abzuscheren oder zu zerquetschen.
Fazit: Eine Zerreißprobe für die Seele
Die Wissenschaft verspricht grüne Energie, doch für die Anwohner wiegt die Sicherheit ihrer Familien schwerer als jede Stromrechnung. Die Vorstellung, dass eine Bohrung einen neuen Schlot provozieren oder instabile Flanken zum Einsturz bringen könnte, ist auf La Palma keine Science-Fiction, sondern eine täglich gefühlte Bedrohung. Die Ingenieure müssen hier nicht nur Felsen durchbrechen, sondern Mauern aus Misstrauen und tiefsitzender Angst.
Im nächsten Teil: Transparenz oder Risiko? Wie man eine Bevölkerung mitnimmt, die das Vertrauen in die Stabilität ihrer Erde verloren hat. (siehe auch Teil 1 + 2)



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