Borrachito Fogatero: Böller-Schock um 3:30 Uhr in Mazo

Der feuerspeiende Borrachito Fogatero La Palma in MazoFoto: Mauro Castro

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Nächtlicher Böller-Alarm: Warum mich der „kleine Trunkenbold“ um 3:30 Uhr unsanft aus dem Bett geholt hat!

Kurz & knapp: Es ist stockfinster, die Uhr zeigt exakt 3:30 Uhr in der Nacht, und plötzlich bricht draußen die Hölle los. Ein lautes Scheppern, Krachen und Böllern lässt die Fensterscheiben vibrieren. Wer neu auf der Insel ist, denkt im ersten Moment an den Ernstfall. Doch wer schon länger hier lebt, lächelt (oder flucht kurz ins Kopfkissen), dreht sich um und weiß: Ah, im nahegelegenen Lodero in Mazo wird mal wieder gefeiert. Herzlich willkommen bei der Fiesta del Borrachito Fogatero!

Der Schockmoment: Wenn die Nacht zum Tag (und sehr, sehr laut) wird

Eigentlich schätzt man die Ruhe auf unserer Isla Bonita. Die Nächte im Osten von La Palma sind normalerweise von einer wunderbaren Stille geprägt – abgesehen vom Rauschen des Atlantiks oder dem gelegentlichen Rufen der Graureiher oder Eulen.

Wenn da nicht diese ganz spezielle palmerische Leidenschaft wäre: Das nächtliche Feuerwerk.

In der vergangenen Nacht war es mal wieder so weit. Mazo-Lodero, nur wenige Kilometer entfernt, schien förmlich zu explodieren. Um halb vier in der Früh ballerten die Raketen in den Nachthimmel, als gäbe es kein Morgen. Adrenalinspiegel auf 180, der Puls im roten Bereich. Der erste Gedanke: Ist etwa der Vulkan wieder wach? Der zweite Gedanke: Welcher Nachbar feiert hier mitten in der Nacht seinen runden Geburtstag?

Die Auflösung folgte rasch: Es war wieder Zeit für eine der verrücktesten Traditionen der Insel.

Ein echter Mensch im feurigen Fass: Der Borrachito Fogatero

Schuld an der nächtlichen Ruhestörung ist eine Symbolfigur mit absolutem Kultstatus: El Borrachito Fogatero – zu Deutsch etwa „Der kleine feurige Trunkenbold“.

Wer glaubt, hier wird nur eine feuerfeste Puppe über den Platz gezogen, täuscht sich gewaltig. Das Spektakel ist gelebter Nervenkitzel: In der tonnen- und fassähnlichen Figur steckt ein echter, extrem mutiger Mensch!

Ausgerüstet mit Schutzkleidung, einem Weinbehälter und dicht an dicht bestückt mit sprühenden Funken, Böller-Batterien und Feuerwerkskörpern tanzt diese Figur unter dem rasenden Jubel der Menschenmasse über den Festplatz. Er tut so, als trinke er gierig Wein, während um ihn herum wortwörtlich die Funken fliegen und die Böller krachen. Eine Mischung aus Mutprobe, pyrotechnischem Wahnsinn und ausgelassener Party!

Die Hintergründe: Wie kommt man auf so eine Idee?

Der Brauch hat eine faszinierende Geschichte: Ursprünglich entstand die Figur in den 1970er-Jahren in der Nachbarschaft von Lodero. Die Einwohner wollten ihrem Ernte- und Volksfest zu Ehren der Virgen del Carmen eine ganz eigene, unverwechselbare Note verleihen – eine humorvolle Anspielung auf die reiche Weinbautradition in Villa de Mazo und die feurige Lebensfreude der Kanaren.

Aus einem kleinen Nachbarschaftsgag entwickelte sich über die Jahrzehnte ein offizielles Kulturgut, das heute Tausende Schaulustige anlockt.

Allerdings braucht man für dieses Spektakel Geduld: Die Fiesta beginnt offiziell erst um 23:00 Uhr. Bis das eigentliche Aufwärmprogramm aus Musik, Tanz und Speis verfliegt und der Borrachito endlich seinen feurigen Tanz antritt, ist es längst tiefste Nacht. Das gipfelnde Feuerwerk mitten in der Nacht ist somit schlicht der traditionelle Höhepunkt der Feierlichkeiten.

Und selbst das Wetter hat gegen diese Leidenschaft keine Chance: Als am späten Abend strömender Regen einsetzte, dachte ich kurz, das Fest würde wortwörtlich ins Wasser fallen. Pustekuchen! Die feiernde Menge ließ sich vom Guss von oben überhaupt nicht abbringen. Unter Regenschirmen, Plastikponchos und mit bester Laune wurde der feurige Trunkenbold im Funkenregen erst recht gefeiert.

Die Auflösung und die perfekte Pointe

Als das Donnern der Böller schließlich verhallte, war mir auch blitzschnell klar, wer hier im Nachbardorf Mazo-Lodero seine Finger im Spiel hatte. Der Blick auf die Uhr brachte dann das große Schmunzeln: Exakt an diesem Wochenende war schließlich die Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit!

Die geschenkte Stunde hat den nächtlichen Weckruf perfekt ausgebügelt – unterm Strich hat mich der feurige Kumpel also gerade mal eine halbe Stunde Schlaf gekostet.

Warum Feuerwerke mitten in der Nacht auf La Palma dazugehören

Wer auf La Palma seinen Ruhestand genießt oder längere Zeit hier verbringt, gewöhnt sich früher oder später an diese akustischen Überraschungen. Ob Dorffest in Mazo, Patronatsfeste in Santa Cruz oder Fiesta auf der Westseite. Auch auf den Nachbarinseln La Gomera, El Hierro oder Teneriffa ist dies üblich.

  • Die Nachtruhe hat Pause: Wenn die Ortsheiligen oder lokale Traditionen geehrt werden, kennt die feiernde Menge keine Sperrstunde.

  • Böllern als Herzschlag der Fiestas: Raketen werden hier nicht nur zu Silvester gezündet, sondern zu jeder sich bietenden Gelegenheit – gerne auch mal morgens um fünf, wenn eine Prozession startet.

Meine Erkenntnis

Der Borrachito Fogatero und die Uhrenumstellung haben mir diese Nacht ein unvergessliches Spektakel beschert. Es zeigt wieder einmal, wie lebendig, eigensinnig und wetterfest die Kultur auf dieser Insel ist. Woanders würde man wegen nächtlicher Ruhestörung und Regen sich mürrisch im Bett wälzen – auf La Palma schluckt man kurz den Schreck runter, freut sich über die geschenkte Zeitstunde und zollt den wetterfesten Festbesuchern den verdienten Respekt. Viva la Fiesta!

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Über den Autor

Manfred Betzwieser
Manfred Betzwieser lebt seit 30 Jahren auf La Palma und dokumentiert als Autor und Newsman die Natur, Geologie und aktuellen Entwicklungen der Kanareninsel. Mit tiefem Fachwissen und jahrzehntelanger Erfahrung vor Ort bietet er verlässliche Berichterstattung abseits des Massentourismus. Entdecke seine Bücher und Projekte auf der Autorenseite. - Mein Link

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