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Wenn der Vulkan fremdgeht!
Wenn man auf La Palma lebt, gewöhnt man sich an einiges: Steile Straßen, Passatwolken, die wie Wasserfälle über die Berge quellen, und Nachbarn, die auf eine Flasche Aldea-Rum vorbeikommen. Aber was uns der Tajogaite im Herbst 2021 auf der Cumbre Vieja beschert hat, stand definitiv in keinem Reiseführer.
Wir alle erinnern uns an den Beginn der Eruption: Erst wackelte die Erde, dann vereinigten sich vier Hauptspalten zu einer imposanten Hauptspalte. Der oberen Vulkanhälfte verdankten wir gigantische Aschesäulen, die bis zu 9 Kilometer hoch in den Himmel ragten (perfekt für spektakuläre Fotos, weniger perfekt für die Wäsche auf der Leine). Der untere Teil ergoss unaufhaltsame Lava ins Aridane-Tal und bedeckte am Ende stolze 12,4 Quadratkilometer.
Man sollte meinen: Ein Hauptkegel reicht doch völlig aus, oder?
Tja, der Tajogaite sah das wohl anders.
„Exzentrisch“ ist nicht nur mein Nachbar: Über 100 heimliche Ventile
Während alle Blicke starr auf den rauchenden Schlackenkegel gerichtet waren, passierte im Untergrund etwas, das selbst erfahrene Geologen ins Schwitzen brachte. Der Vulkan hielt sich nämlich keineswegs brav an seine Hauptspalte.
In späteren Phasen des Ausbruchs öffneten sich über 100 sogenannte exzentrische und distale Öffnungen – und das bis zu drei Kilometer weit entfernt von der zentralen Eruptionsspalte!
Stell dir vor, du hast die Kaffeemaschine im Griff, aber plötzlich quillt der Espresso aus den Steckdosen im Flur. Genau so fühlte sich das an.
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| TAJOGAITE IN ZAHLEN & FAKTEN |
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| - Gesamte Lavanutzfläche: ca. 12,4 km² |
| - Aschesäulen-Höhe: bis zu 9 km über dem Meeresspiegel |
| - Identifizierte Austrittsstellen: > 100 Spalten & Schlot-Öffnungen |
| - Maximale Entfernung: bis zu 3 km vom Hauptkegel entfernt |
| - Lavatyp der Nebenschlote: Entgaste, schnell fließende Pāhoehoe-Lava|
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Die Rache der Stricklava: Warum Pāhoehoe keine Pause macht
Als ob der Hauptstrom nicht schon genug Arbeit gemacht hätte, trat aus diesen neuen, kilometerweit entfernten Spalten vor allem entgaste Pāhoehoe-Lava aus.
In Hawaii nennt man das „Stricklava“, weil sie beim Abkühlen wie geflochtene Seile aussieht. Klingt gemütlich, ist es aber absolut nicht. Diese Lava ist extrem flüssig und flitzt überraschend schnell dahin. Die Folge? Sie flutete blitzschnell städtische und landwirtschaftliche Gebiete, die sich bis dahin eigentlich in trügerischer Sicherheit gewähnt hatten.

So sieht es aus, wenn der Vulkan entscheidet, die Postzustellung etwas zu erschweren: Ein Haus, begraben unter den meterhohen Hinterlassenschaften des Tajogaite.
Was teilt den Weg im Untergrund? Dikes und alte Narben
Warum macht ein Vulkan sowas? Warum bleibt das Magma nicht einfach in seiner Hauptstraße?
Wissenschaftliche Analysen der Ausrichtungen zeigen ein klares Muster: Die Spalten, Brüche und neuen Schlote ordneten sich entlang dreier Hauptrichtungen an:
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Nordwest – Südost (NW-SO)
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Nord – Süd (N-S)
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Ostnordost – Westsüdwest (ONO-WSW)
Das Magma wurde über zwei Zufuhrgänge (sogenannte Dikes) gespeist. Statt sich mühsam durch massiven Fels zu bohren, nutzte das Magma schlichtweg das Prinzip der Faulheit: Es nahm bereits vorhandene tektonische Schwachstellen, alte Brüche und Krusten-Heterogenitäten im Gestein als Abkürzung.
Während sich diese Zufuhrgänge im Untergrund ausbreiteten, verformte sich die Erdoberfläche dramatisch:
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Es bildeten sich Vertiefungen und Tektonik-Gräben (Grabenbildung).
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Überall traten Risse und tektonische Brüche auf.
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Am Schlackenkegel selbst kam es zu lokalen Flankeneinstürzen – der Vulkan hat sich sozusagen selbst ein Stück weit abgerissen.
Die Lehre aus der Lavasuppen-Überraschung: Blickt über den Kantenrand!
Was bedeutet das für uns auf La Palma und für die Wissenschaft weltweit?
Ganz einfach: Distale Krater sind ein nicht zu unterschätzendes Vulkanrisiko. Wenn man bei einem Ausbruch nur den Hauptkrater beobachtet, verpasst man die Hälfte der Action – und leider auch die gefährlichste.
Detaillierte Feldanalysen des Zusammenspiels von:
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tektonischen Brüchen,
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Gasemissionen und
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der Ausbreitung von Zufuhrgängen (Dikes)
sind unerlässlich, um Gefahren vorab einzuschätzen. Wenn wir verstehen, wo die alten Schwachstellen der Inselkruste liegen, können wir bei künftigen monogenetischen Eruptionen viel besser vorhersehen, wo der Vulkan als Nächstes plopp macht. Die vollständigen wissenschaftlichen Details und Untersuchungsergebnisse zu den verdeckten Aktivitätsphasen des Tajogaite findest du in der Originalstudie auf ScienceDirect.
Mein Fazit als Palmero
Die Natur auf unserer Isla Bonita ist wunderschön, wild und manchmal eben etwas eigenwillig. Der Tajogaite hat uns gezeigt, dass ein Vulkan kein stures Ein-Kanal-System ist, sondern ein dynamisches Netzwerk, das sich seinen Weg bahnt, wo es ihm gefällt.
Wenn du das nächste Mal über die frischen Aschefelder oder die imposanten Lavafelder im Westen La Palmas blickst, denk daran: Unter deinen Füßen liegt eine Insel voller Geschichten, Narben und faszinierender Geologie.
Wie habt ihr die Zeit der Eruption erlebt oder wie wirkt die veränderte Landschaft bei eurer letzten La-Palma-Wanderung auf euch? Schreibt es mir unbedingt in die Kommentare!
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