Der grüne Phönix von La Palma: Warum unsere Kanarische Kiefer feuerresistent ist

Kanarische Kiefer direkt am Vulkan Tajogaite/ Kanarische Kiefer feuerresistentNeuaustrieb von Kanarischen Kiefern kurz nach dem Vulkanausbruch des Tajogaite

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10 Jahre nach dem Großbrand von 2016: Überlebenskünstler im Dauertest!

Ein Blick aus dem Fenster zeigt: Die Wetterlage hat sich seit gestern leider kaum verändert. Wir schwitzen weiterhin bei drückender Hitze, die Luftfeuchtigkeit liegt im Keller und ein mittelmäßiger, aber tückischer Wind bläst über die Hänge. Die Nerven liegen wie immer in solchen Tagen ein bisschen blank – umso erleichterter sind wir alle, dass bis zu dieser Minute Gott sei Dank noch kein Feuerausbruch gemeldet wurde.

Wenn man bei diesem Wetter auf La Palma durch den Pinar blickt, den Duft von frischem Harz in der Nase hat und das sanfte Rascheln der langen Nadeln hört, wirkt die Natur trotz der Hitze erstaunlich robust. Und das ist sie auch: Die Kanarische Kiefer (Pinus canariensis) ist kein zartes Pflänzchen. Sie ist der absolute Schwarzenegger unter den Nadelbäumen – ein stoischer Überlebenskünstler, der Feuer und Vulkanausbrüche frühstückt.

Genau jetzt im August kommen bei vielen von uns wieder die Erinnerungen hoch. Exakt 10 Jahre ist es her, dass im August 2016 bei Jedey der große Waldbrand ausbrach. Neun Tage lang wüteten die Flammen über fast 4.900 Hektar – das waren satte 7 % unserer gesamten Inselfläche, verteilt auf El Paso, Fuencaliente, Mazo und Los Llanos. Fast 3.000 Menschen mussten evakuiert werden, und wir trauern bis heute um den Forstarbeiter Francisco José Santana, der damals im Einsatz sein Leben ließ. Dramatisch war auch der Feuerausbruch 2009 um Fuencaliente. Alles ausführlich in meinem Buch beschrieben.

Wer damals durch die kohlrabenschwarzen Hänge fuhr, dachte: Das war’s. Hier wächst nie wieder was.

Und heute? Wer hinschaut, sieht ein sattgrünes Wunder. Aber wie macht dieser Baum das eigentlich?

Der Panzeranzug: 8 Zentimeter Rinde gegen die Hölle

Manuel Nogales, Biologe beim spanischen Forschungsrat CSIC, bringt es auf den Punkt: Die Kanarische Kiefer hat im Laufe von Millionen von Jahren auf einem vulkanischen Archipel eine Kombination von Schutzmechanismen entwickelt, die unter Nadelhölzern weltweit einzigartig ist.

Erstens besitzt sie eine Rinde, die bis zu 8 Zentimeter dick werden kann. Das ist kein Baumfelleffekt, das ist ein echter Panzer! Diese Borke isoliert das Innere des Stammes so perfekt gegen Hitze, dass selbst vorbeiziehende Feuerwalzen oder glühende Vulkanasche – wie 2021 beim Tajogaite – dem Baumkern oft rein gar nichts anhaben können.

Das Bammel-Gewebe: Austreiben direkt aus dem Stamm

Normalerweise ist ein Nadelbaum hinüber, wenn seine Krone einmal komplett abgebrannt ist. Nicht so unsere Pino Canario.

Sie besitzt ein spezielles Gewebe im Stamm und den Ästen (das sogenannte axiale Parenchym). Wenn die Krone im Feuer aufgibt, schaltet der Baum einfach auf Notstromaggregat um. Schon knapp einen Monat nach einem Brand lugen die ersten hellgrünen, flauschigen Triebe direkt aus der verkohlten, schwarzen Rinde hervor. Das sieht im Wald aus wie eine Armee kleiner, grüner Klageweiber – schaut aber fantastisch aus!

Beim Tajogaite-Ausbruch haben Wissenschaftler Exemplare beobachtet, die bis zu vier Mal hintereinander neu ausgetrieben sind, bevor die Wurzeln schlussendlich doch aufgaben. Wenn das kein Kampfgeist ist!

Die Pyromanen-Zapfen: Eine Samenbank in der Höhe

Als wäre das nicht genug, nutzt die Kiefer die Hitze des Feuers sogar zur Fortpflanzung. Ihre Zapfen sind mit Harz bombenfest verschlossen. Erst wenn die extremen Temperaturen eines Waldbrandes die Zapfen aufheizen, schmelzen die Siegel.

Die Zapfen öffnen sich und lassen tausende Samen genau dann auf den Boden segeln, wenn die Konkurrenz am Boden zu Asche verbrannt ist und der Ascheboden voller Nährstoffe steckt. Clever, oder?

[ Hitze durch Waldbrand ]
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[ Harzschmelze im Zapfen ]
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[ Zapfen öffnet sich & sät ]
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[ Asche als Dünger im Vulkanboden ]

Warum auf La Palma kaum Bäume gepflanzt werden müssen

Francisco Prieto, Chef des Umwelt- und Katastrophenschutzdienstes beim Cabildo de La Palma, erklärt, warum man hier nach Großbränden selten teure Aufforstungsaktionen starten muss: Der Baum macht seinen Job einfach selbst.

Statt Millionen Setzlinge einzubuddeln, konzentriert sich das Cabildo auf den echten Notfall nach dem Brand: Bodenerosion. Auf unserem steilen Vulkanuntergrund würde der nächste Starkregen sonst den ganzen Nährstoffboden ins Meer spülen. Die Forstteams bauen deshalb aus dem verbrannten Holz sogenannte Bündel und Barrieren quer zum Hang, um das Wasser zu bremsen. Den Rest erledigt die Natur.

Aber Vorsicht: Grün bedeutet nicht gleich „heil“!

So faszinierend die Regeneration der Kiefer ist, warnen Biologen wie Manuel Nogales vor zu viel Euphorie.

Ein grüner Kiefernwald ist noch lange kein funktionierendes Ökosystem. Während die Bäume nach ein paar Jahren wieder passabel aussehen, brauchen die geschädigten Insekten, Vögel, Flechten und seltenen Unterholz-Pflanzen viele Jahrzehnte, um den Lebensraum wieder vollständig zu besiedeln.

Und genau hier liegt das Problem unserer Zeit:

  • Kronenfeuer: Während reine Bodenfeuer den Bäumen kaum etwas ausmachen, vernichten Kronenfeuer (je nach Folge-Niederschlag) 10 bis 20 % der Kiefern dauerhaft.

  • Der Klimawandel-Faktor: Zunehmende Dürreperioden und immer kürzere Abstände zwischen Bränden rauben den Bäumen die Kraft. Irgendwann sind selbst die Reserven des stärksten Panzerbaums aufgebraucht.

Mein Fazit

Unsere Kanarische Kiefer ist ein Symbol für die Unbeugsamkeit La Palmas. Sie übersteht Vulkane, Hitzewellen und Flammen. Aber wir dürfen ihren Superkräften nicht zu viel zumuten – erst recht nicht an Tagen wie heute, wo die Luft trocken ist und der Wind steht.

Wenn wir in diesen heißen Sommertagen durch die Insel fahren, denken wir an die Narben von 2016 zurück, halten die Kippen im Auto und lassen den Grill definitiv aus. Denn so stark die Kiefer auch ist – der beste Waldbrand ist immer noch der, der gar nicht erst entsteht!

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Über den Autor

Manfred Betzwieser
Manfred Betzwieser lebt seit 30 Jahren auf La Palma und dokumentiert als Autor und Newsman die Natur, Geologie und aktuellen Entwicklungen der Kanareninsel. Mit tiefem Fachwissen und jahrzehntelanger Erfahrung vor Ort bietet er verlässliche Berichterstattung abseits des Massentourismus. Entdecke seine Bücher und Projekte auf der Autorenseite. - Mein Link

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