Als ein Unterwasservulkan das Meer zum Kochen brachte (und die Behörden schwiegen)
Wenn ich heute auf meinen Kalender schaue, muss ich kurz innehalten. Ganz ehrlich: Wo sind bloß die letzten 15 Jahre geblieben?
Gestern vor genau 15 Jahren, am 10. Oktober 2011, verwandelte sich das beschauliche Fischerdorf La Restinga im Süden von El Hierro schlagartig in ein Nadelöhr der Geschichte. Tief im Atlantik begann die Erde zu zittern, das Meer verfärbte sich grünlich-gelb, es stank nach Schwefel, und ein Unterwasservulkan bahnte sich fauchend seinen Weg nach oben.
Da das Kind tief im Bauch des Ozeans von offizieller Seite monatelang keinen Namen bekam, gab ich ihm in meinem damals frisch gestarteten Live-Blog spontan einen eigenen: „Eldiscreto“ – der Verschwiegene.
Wie ein kleiner Blog plötzlich 4,8 Millionen Menschen verband
Was eigentlich nur als mein persönliches Tagebuch gedacht war, um das Unbegreifliche vor meiner eigenen Haustür in Worte und Zahlen zu fassen, explodierte regelrecht. Wenn ich mich an diese Wochen zurückerinnere: Tag und Nacht saß ich am Bildschirm, wertete Seismogramme aus, zeichnete Tremor-Grafiken und versuchte, Ruhe in eine völlig aufgeregte Lage zu bringen.
Über 4,8 Millionen Besucher klickten sich damals durch meinen Blog. Tausende besorgte Leser schrieben mir E-Mails, während deutsche Boulevardzeitungen bereits den Untergang der Kanaren in den schillernsten Farben ausmalten („Vulkan-Angst im Urlaubsparadies!“).
Wer Lust auf eine kleine, nostalgische Zeitreise hat: Mein altes El Hierro Blogarchiv ist immer noch online – inklusive der verpixelten Grafiken und der echten Aufregung von damals.
Was sich verändert hat – und was faszinierend gleich blieb
Wenn ich heute zurückblicke, muss ich schmunzeln – auch wenn mir manches Lachen im Halse stecken bleibt.
Natürlich haben wir heute viel bessere Technik, modernere Satelliten und hochpräzise Messgeräte. Aber eine Sache ist in den letzten 15 Jahren absolut unverändert geblieben: die Informationspolitik der Behörden und der PEVOLCA.
Schon damals auf El Hierro erlebte ich haargenau dasselbe Schema, das uns zehn Jahre später beim Tajogaite auf La Palma wieder begegnen sollte: Erst einmal beschwichtigen, Informationen in homöopathischen Dosen verteilen und so tun, als sei alles unter Kontrolle – bis die Natur selbst Fakten schafft. Ob damals bei den Evakuierungen rund um den Null-Meridian am Faro de Orchilla oder heute bei gesperrten Messdaten und CO₂-Protokollen: Das behördliche Versteckspiel hat erstaunliche Tradition.
Genau deshalb habe ich damals angefangen zu schreiben. Und genau deshalb mache ich es bis heute: Weil die Menschen auf unseren Inseln keine schöngefärbten Bulletins brauchen, sondern ehrliche Fakten auf Augenhöhe.
Ein Stück Geschichte zum Nachlesen
Die vielen schlaflosen Nächte, die persönlichen Begegnungen mit den Menschen auf El Hierro und die dramatischen Ereignisse dieser Monate habe ich später in einem eigenen Buch verarbeitet. Wer die ganze Chronik und die Schicksale hinter den Kulissen nachlesen möchte, findet meine Berichte in Naturgewalt und Schicksale: Die Chronik des El Hierro-Vulkanausbruchs auf Amazon.
Eldiscreto schläft nun schon seit 15 Jahren friedlich am Meeresgrund. Aber die Lektionen, die er uns gelernt hat, begleiten mich jeden Tag, wenn ich hier auf La Palma an meiner Tastatur sitze.
Eine Frage an euch: Wer von euch war damals vor 15 Jahren eigentlich schon im El-Hierro-Blog dabei? Erinnert ihr euch noch an das Bangen vor den Seismogrammen, die spekulierten Wassertemperaturen in La Restinga oder eure eigenen Urlaubsängste von damals? Schreib mir deine Erinnerungen gerne unten in die Kommentare – ich freue mich riesig darauf, von den „Zeitzeugen“ von damals zu lesen!
In diesem Sinne: Bleibt neugierig, bleibt kritisch – und vor allem gesund!
Herzliche Grüße
Manfred
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Ihre Berichterstattung habe ich damals „verschlungen“. Bereits damals war herauszuhören, dass die offiziellen Kanäle sich extrem zurückhielten. Schön fand ich, dass ich mich 2019 am Kreuzfahrtkai auf dem Weg zum Ausflugsbus kurz mit Ihnen unterhalten konnte und persönlich für die tollen Infos bedanken konnte. Machen Sie weiter so – aber im gesunden Rentnertempo.
Hallo Holger,
mensch, was für eine schöne Überraschung! An unser kurzes Treffen am Kreuzfahrtkai in Santa Cruz erinnere ich mich tatsächlich noch – solche persönlichen Begegnungen mit Lesern sind immer das absolute Highlight meiner Arbeit!
Dass du schon seit den aufregenden „Eldiscreto“-Tagen 2011 dabei bist und meine Berichte verschlungen hast, freut mich riesig. Und wie du richtig sagst: Die Zurückhaltung der offiziellen Stellen hat ja leider schon fast traditionellen Charakter auf den Inseln…
Keine Sorge, das mit dem „gesunden Rentnertempo“ nehme ich mir sehr zu Herzen! Mein Hund Jakob sorgt glücklicherweise dafür, dass die Pausen für die täglichen Gassirunden und ein gemütliches Kaffeetrinken nicht zu kurz kommen.
Vielen Dank für deine langjährige Treue, die netten Worte und die besten Grüße!
Herzliche Grüße
Manfred