PEVOLCA auf La Palma: Zeit für Reformen

Vulkanausbruch/ PEVOLCA La Palma

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Warum die Trennung von Wissenschaft und Politik Vertrauen zerstört!

Im gestrigen Rückblick auf die 15-jährige Geschichte von „Eldiscreto“ vor El Hierro habe ich es bereits kurz angerissen – doch die Reaktionen im Kommentarbereich und den Soc. Medien zeigen, wie tief das Thema vielen Inselbewohnern und Kanaren-Fans bis heute unter den Nägeln brennt: Die unheilvolle Rolle der behördlichen Notfallplanung.

Wenn die Erde unter den Kanaren zu beben beginnt, schaut alles auf ein Kürzel: PEVOLCA (Plan Especial de Protección Civil y Atención de Emergencias por Riesgo Volcánico). Es ist der offizielle Notfallplan, der Leben schützen, Evakuierungen koordinieren und Transparenz schaffen soll.

Doch wer die Geschehnisse der vergangenen 15 Jahre – von Eldiscreto auf El Hierro 2011 bis zum verheerenden Ausbruch des Tajogaite auf La Palma 2021 – unvoreingenommen analysiert, stößt auf eine strukturelle Schwachstelle, die bis heute nicht behoben ist: Die gefährliche Entkopplung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Entscheidung.

Der Präzedenzfall September 2021: Wenn Warnungen verhallen

Der 19. September 2021 brannte sich tief in das Gedächtnis aller Palmeros ein. Um 15:10 Uhr riss die Erde in Cabeza de Vaca auf. Was folgte, war eine der dramatischsten Evakuierungen in der jüngeren Geschichte der Kanaren: Über 5.000 Menschen mussten überstürzt ihre Häuser verlassen, während die ersten Lavasäulen bereits in den Himmel stiegen.

Was viele bis heute nicht wissen oder verdrängen: Das Wissenschaftliche Komitee (Comité Científico) hatte im Vorfeld genau gewarnt.

In den Stunden und Tagen vor dem Ausbruch zeichneten die Messgeräte des staatlichen Geografischen Instituts (IGN), des INVOLCAN und des CSIC ein eindeutiges Bild:

  • Der seismische Tremor stieg exponentiell an.

  • Die Beben verlagerten sich rasend schnell nach oben in flache Tiefen.

  • Die Bodenverformung (Deformation) erreichte Rekordwerte.

Die Experten im wissenschaftlichen Gremium erkannten die unmittelbare Eruptionsgefahr und empfahlen die Anhebung der Warnstufe auf Rot (Semáforo Rojo) sowie eine präventive, geordnete Evakuierung bei Tageslicht.

Die Reaktion der politischen PEVOLCA-Leitung? Zögern.

Das bürokratische Nadelöhr: Berater ohne Befugnis

Warum führte eine klare wissenschaftliche Risikobewertung nicht zum sofortigen Auslösen des Zivilschutzalarms? Die Antwort liegt in den rechtlichen Zuständigkeiten des Notfallplans:

  • Wissenschaftliches Komitee (IGN, CSIC, INVOLCAN, Universitäten): Keine Entscheidungsbefugnis. Erstellt Gutachten (Dictamen), wertet Daten aus und spricht Empfehlungen aus.

  • Politische Planleitung (Kanarisches Sicherheitsministerium): Alleinige Letztentscheidung. Unterschreibt Evakuierungen, Notfallstufen und Straßensperren.

  • Zentralstaatliche Schnittstelle (Delegación del Gobierno Madrid): Stellt Sicherheitskräfte (Guardia Civil, UME) und koordinierte staatliche Ressourcen bereit.

Hier entsteht ein dramatisches Nadelöhr: Die Wissenschaftler liefern die Fakten, dürfen aber keinen Alarm auslösen. Der politische Entscheider wiederum steht unter enormem Druck – er fürchtet Fehlalarme, wirtschaftliche Einbußen, Logistikchaos und die politische Verantwortung im Falle einer Falscheinschätzung.

Das Resultat im September 2021: Man wartete ab, hoffte auf Zeit – bis die Natur der Politik die Entscheidung abrupt abnahm. Die Zeche zahlten die Bürger, die im Schockzustand und unter Hektik ihr Hab und Gut zurücklassen mussten. Zum großen Glück gab es keine Todesopfer.

Was wir aus 2021 lernen müssen

Die Erfahrung von 2021 – aber auch die anhaltenden Diskussionen um CO₂-Messdaten in Puerto Naos und La Bombilla – zeigen, dass das Vertrauen der Bevölkerung in behördliche Verlautbarungen massiv gelitten hat. Das System der Krisenkommunikation leidet an drei strukturellen Problemen:

  1. Verschiebung der Verantwortung: Die Politik verweist bei unangenehmen Entscheidungen gern auf die „Komplexität der Wissenschaft“. Die Wissenschaft verweist darauf, dass sie nur beratende Funktion hat. Am Ende steht der Bürger vor einer Wand der Unzuständigkeit.

  2. Kultur der Zensur statt Transparenz: Wenn wissenschaftliche Protokolle, Rohdaten oder Debatten unter Verschluss gehalten werden, entsteht Raum für Spekulationen und Misstrauen.

  3. Fehlende Automatismen: Ein Zivilschutzsystem, bei dem klare physikalische Parameter (wie eine kritische Deformationsrate oder veränderte Gaswerte) nicht automatisch vordefinierte Notfallmaßnahmen auslösen, bleibt immer anfällig für politisches Abwägen.

Fazit: Es braucht unabhängige Kontrolle und Transparenz

Ein Notfallplan ist nur so gut wie das Vertrauen, das die Menschen in ihn setzen. La Palma hat 2021 gezeigt, wie professionell und aufopferungsvoll die Einsatzkräfte vor Ort (Feuerwehr, Zivilschutz, Polizei, Rotes Kreuz) arbeiten.

Was wir jedoch dringend brauchen, ist eine Reform der Führungs- und Kommunikationsstrukturen:

  • Wissenschaftliche Gutachten und Sitzungsprotokolle der PEVOLCA müssen unverzüglich und öffentlich zugänglich gemacht werden. Nicht als geheime Verschlusssache im Tresor verwahrt werden und betroffene Menschen erst den mühsamen Klageweg beschreiten müssen.

  • Wenn das Wissenschaftliche Komitee eine Notfallstufe empfiehlt, muss dies transparent kommuniziert werden – selbst wenn die Politik sich entscheidet, der Empfehlung (noch) nicht zu folgen.

  • Blick nach Europa – Der Präzedenzfall L ’Aquila:

    Dass verharmlosende Krisenkommunikation juristische Folgen haben kann, zeigte Italien 2009: Nach dem Erdbeben von L’Aquila wurden Mitglieder des Krisenstabs angeklagt, weil sie die Bevölkerung mit beruhigenden Aussagen in falscher Sicherheit gewiegt hatten. Ein mahnendes Beispiel dafür, dass Transparenz im Zivilschutz keine Gefälligkeit ist, sondern Überlebensnotwendigkeit.

Vulkanismus ist auf den Kanaren keine Naturkatastrophe aus heiterem Himmel, sondern Teil unserer Inselrealität. Eine ehrliche Krisenkommunikation auf Augenhöhe ist das Mindeste, was die Bürger von den Behörden verlangen können. Das wird hoffentlich auch bei den anstehenden Parlamentswahlen im November ein Kriterium sein.

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Über den Autor

Manfred Betzwieser
Manfred Betzwieser lebt seit 30 Jahren auf La Palma und dokumentiert als Autor und Newsman die Natur, Geologie und aktuellen Entwicklungen der Kanareninsel. Mit tiefem Fachwissen und jahrzehntelanger Erfahrung vor Ort bietet er verlässliche Berichterstattung abseits des Massentourismus. Entdecke seine Bücher und Projekte auf der Autorenseite. - Mein Link

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