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Warum kein Vulkanausbruch auf La Gomera? Geologie einfach erklärt!
Vulkanausbruch La Gomera? Stell dir vor, du sitzt entspannt mit einem Café solo auf einer Terrasse im Valle Gran Rey. Die Sonne glitzert auf dem Atlantik, die Palmen wiegen sich im Wind, und das Leben könnte nicht friedlicher sein. Doch schaust du über den Epizentren-Ticker der Seismologen, wird dir schwindelig: Unter Teneriffa rumst es gewaltig – richtige Erdbebenschwärme jagen durch das Untergrundgebälk. Im Atlantik ringsherum bebt die Erde in stolzen Tiefen um die 30 Kilometer. Und wir erinnern uns alle noch schmerzhaft an das Jahr 2021, als der Tajogaite auf La Palma eindrucksvoll demonstrierte, wer hier eigentlich der Chef im Haus ist. Titelbild: Registrierte Erdbeben der letzten 30 Tage. Siehe auch das aktuelle Erdbeben Live-Monitoring
Und mittendrin? Liegt La Gomera. Die Insel, auf der seit rund zwei Millionen Jahren einfach nichts passiert ist. Kein zischendes Magma, keine Ascheregen, kein tektonisches Drama. Nichts. La Gomera verhält sich vulkanisch gesehen wie der eine Tiefenentspannte in einer hyperaktiven WhatsApp-Gruppe. Wie kann das sein? Warum bleibt die Insel vom feurigen Schicksal ihrer Nachbarn komplett verschont?
Es wirkt im ersten Moment wie ein absoluter Widerspruch – aber es gibt dafür zwei hervorragende geologische Gründe, die das klassische „Hotspot-Modell“ der Kanaren erklären.
Das klassische Hotspot-Paradoxon
Wenn wir uns die Geologie der Kanaren im Lehrbuch anschauen, lernen wir: Das Archipel entstand durch einen sogenannten „Hotspot“ (eine Mantelplume). Eine heiße Zone tief im Erdmantel schmilzt sich wie ein Schweißbrenner durch die darüber hinweggleitende afrikanische Kontinentalplatte. Da sich die Platte von West nach Ost bewegt, müssten die östlichen Inseln (wie Lanzarote und Fuerteventura) steinalt und mausetot sein, während der Westen (La Palma und El Hierro) brennt.
Ein logisches Modell – bis man einen Blick auf die Historie wirft. Lanzarote erlebte im 18. und 19. Jahrhundert apokalyptische Ausbrüche (Timanfaya lässt grüßen). Auf Teneriffa, direkt nordöstlich von La Gomera, floss 1909 das letzte Mal Lava aus dem Chinyero. Warum also brennt das Umland, während La Gomera den Hotspot angeblich schon vor Äonen hinter sich gelassen hat? Die Antwort liefert uns zwei absolut faszinierende Phänomene.
1. Die geologische Frischzellenkur: Das Phänomen der „Verjüngung“
Vulkaninseln sterben nicht linear. Sie gehen nicht einfach in den Ruhestand und erodieren still vor sich hin. Manchmal packt sie im hohen Alter noch einmal die Midlife-Crisis – in der Geologie nennen wir das Rejuvenation (Verjüngungsphase).
Der gesamte Erdmantel unter den Kanaren ist eine großflächig aufgeheizte Megazone. Dass die alten Inseln im Osten wie Lanzarote und Fuerteventura wieder aktiv wurden, verdanken sie gewaltigen tektonischen Spannungen. Die nahegelegene afrikanische Kontinentalplatte wird durch die gewaltige Atlas-Gebirgsfaltung enorm gestaucht. Dieser Druck sorgt dafür, dass die alte Erdkruste im Osten des Archipels regelrecht aufreißt. Durch diese tiefen Risse kann uraltes, tief liegendes Magma wie durch ein Ventil wieder nach oben schießen. Lanzarote befindet sich genau in einer solchen Phase.
Und Gomera? Die Insel hat diese stressige Phase bisher einfach elegant geschwänzt. Die lokale Erdkruste direkt unter La Gomera ist seit zwei Millionen Jahren ein massiver, rissfreier Block geblieben. Während ringsherum alles aufbricht, bleibt Gomeras Fundament stabil wie eine Festung.
2. Der Teide als Magma-Staubsauger: Der Schatteneffekt
Der zweite Grund ist purer physikalischer Egoismus der Nachbarschaft. Der aufsteigende Hotspot unter den Kanaren ist kein dünner, präziser Laserstrahl. Es handelt sich um eine gigantische, pilzförmige Blase aus heißem Magma im Erdmantel. Das Zentrum dieser Blase liegt heute zwar unter El Hierro und La Palma, aber die Ausläufer sind riesig.
Teneriffa ist ein wahrer geologischer Gigant. Das Teide-Massiv verfügt über ein extrem komplexes, tief verwurzeltes System aus magmatischen Kanälen. Dieses System zapft noch immer den östlichen Rand der heißen Zone an. Magma sucht sich – genau wie wir Menschen beim Pendlerstrom – immer den Weg des geringsten Widerstands.
Durch die Verschiebung und den enormen Druckaufbau in den untersten Magmakammern dringen Gase und flüssiges Gestein durch fragile Spalten nach oben. Und genau dieser geologische Schwachpunkt liegt direkt unter Teneriffa. Die Folge sind die aktuellen Schwarmbeben in den höher gelegenen Magmakammern (in 10 bis 14 km Tiefe). Hier fließt kontinuierlich Material nach und bereitet sich über kurz oder lang auf den nächsten Durchbruch zur Erdoberfläche vor.
La Gomera liegt sprichwörtlich im „magmatischen Schatten“ Teneriffas. Das Magma macht einen großen Bogen um Gomeras bombenfestes Fundament und schießt lieber nebenan durch die ohnehin schon maroden Bruchzonen des Nachbarn. Warum mühsam durch harten Basalt beißen, wenn nebenan die Tür schon sperrangelweit offen steht?
Ein wichtiges Wort zur Sicherheit (und der Wissenschaft)
Auch wenn wir die geologische Ruhe auf La Gomera feiern, dürfen wir die Augen vor der Realität auf den Nachbarinseln nicht verschließen. Teneriffa ist heute mit zahllosen Seismometern, Gassensoren und modernster Technik ausgestattet. Jedes noch so kleine Zittern wird registriert.
Aber – und das ist eine wissenschaftlich fundierte und durchaus kritische Lektion aus der jüngsten Vergangenheit: Eine lückenlose Überwachung bedeutet leider nicht automatisch, dass die Bevölkerung von den Behörden und der Politik rechtzeitig, transparent und dringlich gewarnt wird. Das haben wir im Jahr 2021 beim Tajogaite-Ausbruch auf La Palma hautnah miterlebt. Die Wissenschaft liefert die Daten, aber das krisenmanagerische Handeln hinkt manchmal hinterher.
Fazit: Wanderschuhe statt Evakuierungsplan
Für uns Gomera-Liebhaber bedeutet das: Wir können absolut beruhigt aufatmen. Während um uns herum die Erde bebt, die Magmakammern Teneriffas sich füllen und die Geologie im Atlantik ihr feuriges Spektakel abzieht, bleibt diese Insel der Fels in der Brandung. Die Natur hat hier ein Jahrmillionen altes, stabiles Meisterwerk geschaffen.
Pack also getrost die Wanderschuhe ein und lass den Helm zu Hause. Auf La Gomera genießt du die seltenste geologische Anomalie der Kanaren: die absolute, tiefenentspannte Ruhe.
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