Die 20.000-Deutschen-Verschwörung: Wie voll ist La Palma im Winter wirklich?

In einer Bodega auf La PalmaBodega in Brena Alta
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Der Mythos von den Massen: Wahrheit oder Seemannsgarn?

Wer kennt sie nicht, die klassischen Geschichten beim Cortado auf der Plaza oder in der Bodega? Man sitzt gemütlich in der Sonne, lauscht dem Treiben und plötzlich lässt ein Palmero – oder ein besonders gut informierter Langzeit-Resident – die absolute Branchen-Bombe platzen: „Wusstest du eigentlich, dass mittlerweile 20.000 Deutsche hier auf der Insel überwintern?“

Man blickt kurz auf seine Uhr, schaut auf die überraschend leere Straße und fragt sich: Haben die sich alle im Barranco de Las Angustias versteckt, oder wo sind die hin?

Lösen wir den großen Mythos der 20.000 Winter-Deutschen mal mit ein bisschen Realität und echten Zahlen auf. Inspiriert auch gestern durch einen Kommentar.  Denn die Wahrheit ist: Dein Bauchgefühl trügt dich nicht. Das ist schlichtweg Quatsch.

Der schnelle Einwohner-Check: Ein Viertel der Insel?

Machen wir ein kurzes Rechenbeispiel. La Palma hat insgesamt rund 85.000 gemeldete Einwohner (Residentes). Würden im Winter tatsächlich 20.000 Deutsche zusätzlich die Insel fluten, müsste sich die Bevölkerung über Nacht um fast 24 % erhöhen.

Jeder vierte Mensch auf der Straße müsste dann mit Socken in den Sandalen und einer Wanderkarte in der Hand unterwegs sein. Die Kassenschlangen im HiperDino oder Lidl würden bis nach Teneriffa reichen, Mietwagen wären wertvoller als Gold und auf den Parkplätzen am Puerto de Tazacorte würde der nackte Überlebenskampf ausbrechen.

Was sagt die offizielle Statistik? (Viel weniger!)

Die offiziellen Daten des spanischen Statistikamtes (INE) und des kanarischen ISTAC sprechen eine ganz andere – und deutlich entspanntere – Sprache:

  • Die echten Residenten: Fest auf La Palma gemeldet sind gerade einmal zwischen 3.200 und 3.300 Deutsche.

  • Die Teilzeit-Palmeros: Rechnet man die Hausbesitzer und Langzeit-Überwinterer dazu, die ohne offizielle Anmeldung ein paar Monate bleiben, kommen wir im tiefsten Januar vielleicht auf 5.000 bis 6.000 Deutsche zeitgleich.

  • Die Verteilung: Und die verteilen sich dann auch noch strategisch. Während die einen die absolute Einsamkeit in Garafía, Puntagorda oder Tijarafe suchen, genießen die anderen das (hoffentlich) stabile Wetter im Aridane-Tal.

Kurz gesagt: Die 20.000er-Marke knacken wir nicht mal ansatzweise.

Wer hat die Statistik gefälscht? Wie das Gerücht entsteht

Man darf dem Palmero, der diese Zahl in den Raum geworfen hat, gar nicht böse sein. Es gibt zwei logische Erklärungen für diesen statistischen Totalausfall:

  1. Insel-Verwechslung: Auf den „großen“ Schwestern wie Teneriffa oder Gran Canaria sind 20.000 deutsche Überwinterer eine völlig normale Hausnummer. Auf unserer Isla Bonita fehlt dafür schlichtweg die Bettenkapazität – erst recht nach den Wohnraumverlusten durch den Vulkanausbruch 2021.

  2. Die Durchlauf-Zählung: Wenn man alle deutschen Touristen zusammenrechnet, die von November bis April für jeweils ein oder zwei Wochen den Flieger verlassen, kommt man über die Saison verteilt natürlich auf hohe Zahlen. Aber sie sind eben nicht alle gleichzeitig da.

Die wahren Herrscher der Statistik: Pizza, Arepas und Salsa

Wenn wir schon über das internationale Flair auf den Kanaren reden, sollten wir den Blick von uns Deutschen wegelenken. Im Vergleich zu anderen Nationen sind wir nämlich fast eine kleine Minderheit.

Wer das statistische Ruder auf den Inseln wirklich in der Hand hat, überrascht:

1. Der italienische Express 🇮🇹

Man glaubt es kaum, aber die Italiener bilden inzwischen die größte europäische Residenten-Gruppe auf den Kanaren! Weit über 55.000 Amici sind offiziell auf dem Archipel gemeldet – das ist mehr als doppelt so viele wie Deutsche (die Kanaren weit bei rund 28.000 liegen). Während der deutsche Ruheständler noch überlegt, ob er die Fleecejacke für den Abend einpacken soll, eröffnen die Italiener im Süden von Teneriffa, auf Fuerteventura oder Gran Canaria schon die nächste erstklassige Pizzeria oder mischen den Tourismus auf. Auf La Palma sind sie zwar nicht ganz so dominant, aber im kanarischen Gesamtbild haben sie uns längst überholt.

2. Ein Gruß nach Venezuela und Kuba 🇻🇪 🇨🇺

Den absoluten Vogel schießen aber die Lateinamerikaner ab. Wer die kanarische Seele verstehen will, muss wissen, dass allein fast 90.000 Menschen aus Venezuela und über 60.000 aus Kuba fest auf den Kanaren leben.

Dahinter steckt eine wunderschöne Geschichte: Die „Emigración de Retorno“. Venezuela wird auf den Inseln nicht umsonst als die „la octava isla“ (die achte Insel) bezeichnet. Weil im letzten Jahrhundert unzählige Kanarier dorthin auswanderten, kehren heute deren Kinder und Enkel zurück.

Der große Unterschied im Alltag

Das sorgt für ein völlig anderes Bild im Vergleich zu uns Nordeuropäern:

  • Die Lateinamerikaner sind mittendrin im Geschehen. Sie sprechen die Sprache, teilen das südländische Temperament, arbeiten im lokalen Handel, in der Gastronomie und formen das schlagende Herz des lokalen Arbeitsmarktes.

  • Der deutsche Pensionär hingegen sitzt derweil glücklich auf seiner Finca im Norden von La Palma und versucht dem lokalen Handwerker mit Händen, Füßen und drei Brocken Spanisch zu erklären, wo das Leck im Rohr ist.

Durchatmen auf der Plaza

Wenn dir also das nächste Mal jemand weismachen will, dass La Palma fest in deutscher Winterhand ist, lächle einfach, nimm einen Schluck von deinem Café und denk dir deinen Teil.

Es bleibt genau so, wie wir es lieben: Überschaubar, entspannt und ohne Massentourismus.

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Über den Autor

Manfred Betzwieser
Manfred Betzwieser lebt seit 30 Jahren auf La Palma und dokumentiert als Autor und Newsman die Natur, Geologie und aktuellen Entwicklungen der Kanareninsel. Mit tiefem Fachwissen und jahrzehntelanger Erfahrung vor Ort bietet er verlässliche Berichterstattung abseits des Massentourismus. Entdecke seine Bücher und Projekte auf der Autorenseite. - Mein Link

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